Hat die Politikwissenschaft ein Relevanzproblem?

Von Anja Jetschke, Professorin fĂĽr Internationale Beziehungen
Georg-August-Universität Göttingen

 

Die Politikwissenschaft in Deutschland ist in Kritik geraten. Ihr wird an prominenter Stelle vorgeworfen, an gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren. Sie beschäftige sich nur noch mit unpolitischen Themen, wie der Schokoladenrichtlinie der EU, verliere sich eher in einem methodisch abgesicherten Klein-Klein, als zum groĂźen Ganzen etwas zu sagen und ziele in der Ausbildung nur noch auf die Schaffung eines wissenschaftlichen Nachwuchses ab. Kurzum, aus Sicht der Autoren -  alles Fachkollegen – befindet sich die deutsche Politikwissenschaft auf Abwegen, die notwendigerweise in die gesellschaftliche Irrelevanz fĂĽhren. Das klingt knackig und ist provozierend, aber es stimmt leider nicht. Die Politikwissenschaft hat weder ein gesellschaftliches Relevanzproblem noch hat sie ein Ausbildungsproblem. Die Politikwissenschaft hat allerdings zwei Vermittlungsprobleme: Das eine besteht darin, dass die Anforderungen aus einer politischen Alltagswelt und der Welt der Politikwissenschaft sehr unterschiedlich sind und dass einer breiten Ă–ffentlichkeit oftmals nicht klar ist, was die Professionalisierung der Disziplin bedeutet bzw. wie stark sich die Anforderungen an die Politikwissenschaft gewandelt haben. Das zweite Vermittlungsproblem besteht darin, dass sie die in der Wissenschaftswelt gewonnen Erkenntnisse wieder in die Alltagswelt hineintragen muss.

Beide Vermittlungsprobleme stellen Herausforderungen dar: in einer breiteren Öffentlichkeit, in der Ausbildung von Studierenden und in der praktischen Politikberatung. Sie haben aber wenig mit angeblichen allgemeinen Fehlentwicklungen innerhalb der Disziplin zu tun, wie der Professionalisierung der Politikwissenschaft, der Methodenorientierung oder der Karriereorientierung des Nachwuchses. Sie haben aber sehr wohl etwas mit fehlendem Verständnis für die Vorgehensweise eines Politikwissenschaftlers / einer Politikwissenschaftlerin und fehlenden Kapazitäten zu tun.

Was genau sind die beiden Vermittlungsprobleme? Das Alltagswelt-Wissenschaftswelt-Problem besteht darin, dass wir von der Ă–ffentlichkeit aufgefordert sind, Antworten auf realweltliche Probleme zu geben, die ein komplexes Einzelfallwissen voraussetzen. Wie kann der Syrienkrieg beendet werden? Warum hat die Alternative fĂĽr Deutschland einen so starken Zulauf? Wie kann man das Finanzsystem umgestalten? Das heiĂźt, wir sind gefordert, sehr konkrete Antworten auf dringende Einzelfragen zu geben. In der Wissenschaftswelt beschäftigen wir uns mit diesen Problemen aber in der Regel nur als einem Fall aus einer größeren Klasse von Phänomenen, die sich um allgemeinere Fragen drehen: Wie und unter welchen Bedingungen werden Kriege beendet? Wann greifen Regionalorganisationen in einen Konflikt ein und wann die Vereinten Nationen? Was bedingt populistische Strömungen? Diese Fragen erfordern, dass man sich mit hunderten und zum Teil mit mehreren Tausenden von Fällen beschäftigt, aus denen bestimmte Muster abgeleitet und kausale Ursachen bestimmt werden. Wenn man aber 280 Interventionsfälle erfasst hat, kann man erstens nicht bei jedem Fall in die Tiefe gehen, das Kontextwissen ist also geringer. Zweitens kann man zwar etwas ĂĽber die Einsatzbedingungen und die Effektivität von Interventionen durch Regionalorganisationen sagen, aber eben beispielsweise wenig ĂĽber andere Kontextfaktoren, wie im Fall Syriens den Islamischen Staat. Die Politikwissenschaft ist also empirischer geworden. Sie hat sich gewandelt von einer Wissenschaft, die auf die Förderung demokratischer Grundwerte und politischer Urteilsfähigkeit abzielt - die klassische Demokratiewissenschaft - hin zu einer Wissenschaft, die sehr viel stärker daran interessiert ist, empirische Muster und Regelmäßigkeiten sowie kausale Zusammenhänge zu etablieren. 

Das mag man als Entfernung von den Problemen der Alltagswelt und als fehlgeleitete Konzentration auf Einzelaspekte (das methodisch gesicherte Klein-Klein) bewerten, bei der das große Ganze aus dem Blick gerät. Man kann es aber auch als Fortschritt sehen, der es uns ermöglicht, systematischeres und genaueres Wissen über allgemeine Ursache- und Wirkungszusammenhänge zu erlangen. Der Verlust des Wissens in einem konkreten Fall geht mit einem Gewinn von systematischem Wissen einher.

Geht der Politikwissenschaft dadurch der Sinn für das Politische verloren? Hier macht das Stichwort von der „Schokoladenrichtlinie der EU“ die Runde als Sinnbild eines völlig unpolitischen Phänomens, dem sich einige Politikwissenschaftler/-innen, nach Ansicht eines Autors unnötigerweise, widmen. Das ist allerdings Polemik, denn die Schokoladenrichtlinie ist mitnichten unpolitisch. Sie steht für die größere Klasse der Phänomene der Aushandlungsprozesse innerhalb des EU-Rats und lässt eventuell Schlüsse darauf zu, wie solche Aushandlungsprozesse generell ablaufen. In einem Kontext, in dem die EU der weltweit größte Markt für Schokolade ist und wichtige Mitgliedstaaten Schokolade in großen Mengen produzieren, ist es nicht nur spannend zu beobachten, welche Faktoren (Produzenteninteressen, Marktgröße, Gemeinwohlinteressen) das Verhandlungsergebnis beeinflussen; eine solche Regelung hat unmittelbar politische Relevanz, da sie sich beispielsweise auf Unternehmensinteressen in Nationalstaaten auswirken kann. Und sie kann sogar Wirkung über die EU hinaus entfalten, wenn sie zu Umstrukturierungsmaßnahmen im kakaoproduzierenden Sektor in den Lieferländern vor allem in Westafrika führt. Wer sich also über die Schokoladenrichtlinie lustig macht, dem fehlt in der Tat entweder der Sinn für das Politische, es geht ihm um Polemik oder er möchte am Ende selbst Politik machen. Die Schokoladenrichtlinie scheint hier die neue Bananenrichtlinie zu sein, die ebenfalls in polemischer Absicht für etwas Anderes herhalten musste, nämlich eine politisch motivierte Kritik an der Bürokratisierung durch die EU.

Und damit sind wir beim zweiten Vermittlungsproblem, dem von der Wissenschaftswelt zurück in die Alltagswelt. Tatsächlich produziert die deutsche Politikwissenschaft Ergebnisse, die einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen und die in vieler Hinsicht tagespolitische Debatten rationalisieren können. Die fehlende Sichtbarkeit der Politikwissenschaft hat aber weder etwas mit fehlgeleiteter Ausbildung zu tun, die den Nachwuchs für die Universitäten ausbildet statt für die Politikvermittlung, noch mit Mutlosigkeit. Wohl aber mit gestiegenen Anforderungen, Zeitmangel und Überforderung.

Erstens ist der Nachwuchs tatsächlich sehr viel stärker gefordert als noch vor einigen Jahren. Es genügt eben nicht mehr, nur seine Promotion zu schreiben. Noch vor Ende der Promotion müssen heute Artikel in internationalen Zeitschriften mit Begutachtungsverfahren veröffentlicht werden. Die erfordern Geduld und einen langen Atem, denn die Ablehnungsquoten sind zum Teil sehr hoch. Viele Promotionsstellen sind ohne Lehrverpflichtung nicht mehr zu bekommen. Das frisst ebenfalls Zeit. Die durchschnittliche Promotionszeit ist in der Politikwissenschaft seit 1985 von durchschnittlich vier auf über sechs Jahre angestiegen. Richtig tückisch wird es nach der Promotion, wenn der Kampf um die wenigen Post-Doc Stellen und der Wettbewerb um die noch geringeren Professuren losgeht. Da ist die Politikberatung wirklich das geringste Problem.

Auf der professoralen Ebene sieht es nicht besser aus. Die Zahl der Studierenden ist nach wie vor hoch, das professorale Lehrdeputat ist im Vergleich zu den USA, Frankreich und Großbritannien zum Teil um das Vierfache höher, die meisten Seminare sind überfüllt und erfordern in der Regel mehr Betreuungsaufwand als es das Zeitbudget zulässt. Angesichts steigender Anforderungen in Selbstverwaltung und Drittmitteleinwerbung (es gibt Ziel- und Leistungsvereinbarungen) bleibt selbst für international wettbewerbsfähige Forschung kaum ausreichend Zeit. Keiner unserer Kolleginnen und Kollegen hält die Vermittlung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in die Alltagswelt für irrelevant. Sie haben nur relativ zu den anderen Anforderungen – auch der Ausbildung von Doktoranden durch einzuwerbende Drittmittelprojekte – weniger Priorität.

Man kann also den sogenannten Rückzug der Politikwissenschaft konstatieren und man kann ihn auch beklagen. Aber man sollte zumindest überprüfen, ob es wirklich ein Relevanzproblem ist - was mir angesichts des allzu schnellen Schließens von der Bedeutung der Schokoladenrichtlinie auf die Politikwissenschaft allgemein unzulässig scheint - und man sollte, wie in jeder guten politikwissenschaftlichen Erklärung auch, alternative Erklärungsfaktoren prüfen. Sonst kommt schnell der Verdacht auf, dass es hier tatsächlich um ein Werturteil aus einer persönlichen Befindlichkeit heraus oder Effekthascherei geht und nicht um eine gut fundierte Analyse disziplinärer Entwicklungen.

Was also könnte helfen?  - Die Lösung kann nicht in noch mehr Anforderungen liegen, zumal sich die Last auf wenige Schultern verteilt. Die wahrgenommenen Probleme werden auch nicht weniger, insbesondere weil Medien uns heute auch noch mehr Krisen und Kriege aus allen Winkeln der Erde näherbringen. Die Lösung kann nur heiĂźen, mehr Mittel zur VerfĂĽgung zu stellen. Wer Exzellenz in allen Dimensionen einfordert – der Forschung, der Lehre und der Politikvermittlung – der muss die dafĂĽr notwendigen Kapazitäten und damit Zeit schaffen. In Bezug auf den Nachwuchs bedeutet das: Mehr Stellen. Der Bedarf ist da, um die Vielzahl an gesellschaftlichen Problemen in der Forschung und Lehre ĂĽberhaupt abzudecken. In Bezug auf die Professorenschaft heiĂźt das: Reduktion der in den letzten Jahren gestiegenen Lehrverpflichtung. Diese lässt nämlich kaum noch Zeit fĂĽr kontinuierliche Forschung oder die angemessene Betreuung von Studierenden und Doktoranden, geschweige denn die Vermittlung in eine interessierte Ă–ffentlichkeit. Nicht zuletzt gefährdet sie aber auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Politikwissenschaft.

In Bezug auf die gesellschaftliche Wahrnehmung politikwissenschaftlicher Forschung könnte das auch bedeuten: mehr Vermittlungsinstanzen. Viele Forschungsinstitute haben dafür bereits eigene Öffentlichkeitsabteilungen. Ähnlich wie in den Naturwissenschaften, wo es bei jeder guten Zeitung Fachjournalisten gibt, die wichtige Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, kann auch die Politikwissenschaft diese Vermittlungsinstanzen gut gebrauchen. Der Preis der Professionalisierung ist nun mal, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr für jeden einfach zugänglich sind. Hier könnte in der Tat ein stärkeres Betätigungsfeld für Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler liegen.

Göttingen, März 2018

 

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